Anfänge

Wann der Ort Gingst entstanden ist, weiß man nicht genau. Sumpf, Moor, Teiche und Wälder herrschten in diesem Gebiet vor. Jedoch belegen 50 Tongefäße aus dem Gingster Pastoratsmoor und andere steinzeitliche Funde, dass vor ungefähr 5000 Jahren bereits Menschen in dem Bereich Gingst sesshaft waren. Etwa im 9. Jahrhundert wanderte ein Teil des westslawischen Stamms der Ranen nach Rügen ein.

Wirtschaftliche Entwicklung im Mittelalter


Eine erste urkundliche Erwähnung als „Ghynxt“ erfolgte im Jahre 1232. Fürst Witzlaw I. (um 1180 – 1249) erhob feudale Abgaben aus dem Krug in Gingst an seine Kapelle in Garz. Im Jahre 1246 begann der Bau der Jacobikirche, 1450 der Anbau des Kirchturmes. Das rasche wirtschaftliche Wachstum entfaltete sich durch seine Lage an der Heringstraße. So nannte sich die alte Verbindung von Vitt bei Arkona bis Rothenkirchen und schließlich Altefähr, wo die Fährmänner alle Menschen und Waren aufs Festland übersetzten. Der Handelsweg durch Gingst war vor allem in der Heringszeit (Herbst und Frühjahr) belebt, wenn die Wittower Fischer ihre eingepökelten und geräucherten Heringe über die Insel nach Stralsund brachten.

Die Händler der Hansestadt sorgten dafür, dass der Ostseefisch über die Flüsse in ganz Deutschland vertrieben wurde. Vor allem zur Fastenzeit verdienten sie damit ein Vermögen. Gingst bekam auch seinen Teil, vor allem den Stellmachereien (Reparaturwerkstätten für Fuhrwerke, Schlitten etc.) sowie die Gasthöfe profitierten wirtschaftlich davon.

Bis Mitte des 14. Jahrhunderts gab es in Gingst wahrscheinlich nur einen Dorfkrug, bis zum Ende des Mittelalters kamen aber noch zahlreiche Krüge hinzu, was auf einen intensiven Betrieb des Bierbrauens und Brandweinbrennens schließen lässt. Zum Jahre 1408 ist von Gewandschneidern die Rede, wahrscheinlich gab es im 15. Jahrhundert auch schon eine Weberzunft. Die Gingster Schumacher schlossen sich im Jahre 1421 zu einer Zunft zusammen. Im Jahre 1424 sowie 1439 hört man vom Knakenwerke, einer Innung der Knochenhauer. Eine Mühle wird 1466 und 1486 erwähnt. Gingst wird im Jahre 1503 geradezu als Oppidum* Städtchen bezeichnet und erhält Marktrecht.

Für die Blüte des wirtschaftlichen Lebens in Gingst spricht nicht nur der alljährlich ein- bis zweimal stattfindende Jahrmarkt. Das Aufblühen des Ortes kann auch daran gemessen werden, dass dem Kirchenschiff 1450 ein erster Glockenturm angebaut wurde. Es scheint, als sei die Entwicklung des Ortes Gingst einhergegangen mit der Entwicklung der Stadt Garz und dem Flecken Bergen. Jedoch verlor der Ort im Jahr 1554, da ein Mord (1477 wurde ein Adeliger, der im Kirchspiel Gingst wohnte, während des Jahrmarktes ermordet) begangen wurde, für fast zweihundert Jahre die Berechtigung, Jahrmärkte durchzuführen. Zudem setzte der Beginn des 30-jährigen Krieges im Jahre 1618 der günstigen Entwicklung ein Ende.

*Oppidum: stadtähnliche Siedlung im Mittelalter

Dreißigjähriger Krieg, Belagerung von 1627 bis 1630

Einen völligen Umschwung der bis dahin einfachen und ruhigen ländlichen Verhältnisse brachte die Besatzung der Insel Rügen durch die Wallensteinschen Truppen während der Jahre 1627 bis 1630. In Gingst scheinen die Soldaten der kaiserlichen Armee mit besonderer Härte und Grausamkeit vorgegangen zu sein. Das Sterberegister des Jahres 1628 meldet 602 Tote. Unter ihnen auch der Präpositus Runge. Von den schweren Zerstörungen während der Jahre 1627 – 1630 erholte sich Gingst nur langsam.

Aufschwung des Handwerks durch Johann Gottlieb Picht


Nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs, ab 1648, wurde Rügen von der schwedischen Krone regiert. Einen entscheidenden Aufschwung verdankt Gingst dem Präpositus Johann Gottlieb Picht, der seit 1769 die Präpositur im Gingster Kirchspiel leitete. 1773 hob er für seine unter dem Pastorat stehenden Bewohner die Leibeigenschaft auf. Um ihnen einen Broterwerb zu sichern, richtete er im Jahre 1775 in Gingst ein Weberamt für Leinen- und Damastweberei ein, als Erneuerung einer schon früher in Gingst vorhandenen Weberzunft. Damaststoffe wurden zu einer Gingster Spezialität und führten das Handwerk zu neuer Blüte. Die Einwohnerzahl stieg erheblich, so dass mehr als 20 neue Häuser erbaut wurden. Erst 1806, über 30 Jahre später, wurde die Leibeigenschaft auf ganz Rügen und in Pommern aufgehoben. Gegen Zahlung von „drei Millionen fünfmalhunderttausend Reichsthalern“ an Schweden im Jahre 1815 wurde Rügen mitsamt Pommern preußisch, die offizielle Übergabe des Territoriums an den preußischen König erfolgte am 23. Oktober 1815 in Stralsund.

Die Historischen Handwerkerstuben Gingst/Museum zeigen eindrucksvoll die Entwicklung von Gingst zum bedeutenden Handwerkerdorf. Gegründet wurden die Historischen Handwerkerstuben von Hans Karl Stoll und zusammen mit einem Schüler und zwei weiteren Interessierten, die Eröffnung war am 1.5.1971.

Entwicklung ab 1900

Auch in Gingst war die Not und das Leid vor und während der beiden Weltkriege (Erster Weltkrieg 1914-1918, Zweiter Weltkrieg 1939-1945) groß. Danach kamen viele Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten nach Gingst. Sie erhielten durch die Bodenreform Land und somit eine Lebensgrundlage. 1958 wurde die erste landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in Gingst gegründet. Im Jahr 1971 wurde die Schule und die Sporthalle erbaut, dadurch konnte Gingst Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten Einzugsgebiet bis zur 10. Klasse aufnehmen.

 

Politische Wende und Wiedervereinigung

Nach der Wende und Wiedervereinigung (1989/90) verlor Gingst durch den Wegzug junger Menschen rund 25% seiner Einwohner:innen. 1994 wurde der Ort in das Städtebauförderprogramm aufgenommen. Durch die Sanierung und Neugestaltung des Ortskerns entwickelte sich Gingst zu einem attraktiven Zentrum von Westrügen mit ländlichem Charme. In den Jahren 2002, 2004, 2007, 2008/09 und 2010 wurde Gingst im Rahmen verschiedener Programme ausgezeichnet.

Im Jahr 2007 beging die Gemeinde ihre 775-Jahrfeier. Mit der Entfaltung seines Flairs durch die Sanierung, die Grünflächen, kleine Läden, Cafés und Lokale lockt Gingst jährlich viele Individualtouristen an. Von Ende Mai bis Anfang Oktober findet auf dem Museumshof immer samstags der Grüne Markt statt. Auch spezielle Märkte, wie der Trödelmarkt im Juni oder der Kunsthandwerkermarkt im August locken jährlich viele Gäste an.

Exkurs: Die Geschichte der Gingster Brände

Als Gingst gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder einen bescheidenen Wohlstand erreicht hatte, wurde der Ort erneut von mehreren Unglücksfällen getroffen: Am 19. April 1699 schlug der Blitz in den Kirchturm von Gingst ein und setzte die erhabene Spitze in Brand. Das Feuer loderte die ganze Nacht und morgens stürzte der Turm zusammen, wobei auch Orgel und Glocken zerstört wurden. Kaum war der Turm wieder- hergestellt, ließ am 8. November 1703 ein furchtbarer Orkan die neu erbaute Turmspitze einstürzen.

Im Jahre 1726 wurde Gingst von einer großen Feuersbrunst heimgesucht, die diesmal nicht nur die Kirche, sondern auch das Pfarrhaus, das Armenhaus, die Küsterei sowie weitere 34 Wohnhäuser traf. Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde die Kirche wieder aufgebaut und erhielt ihr heutiges Aussehen und ihre Innenausstattung.

Am 3. Oktober 1836 wurde Gingst erneut von einer entsetzlichen Brandkatastrohe heimgesucht. Das Feuer hatte seinen Ursprung in der Scheune des Brauers Röhl (später „Zum Dorfkrug Puchert“, heute Nordstern). Ein Sturm trieb die Flammen in Richtung Norden und binnen zwei Stunden ergriffen sie die beiden Seiten der Gasse „Thälmannstraße“. 27 Häuser und eine Holländer Mühle lagen in Schutt und Asche. Innerhalb eines Jahres konnten durch zahlreiche Spenden und viel Hilfe alle zerstörten Häuser wieder aufgebaut werden. Die Strohdächer wurden nun zum großen Teil durch Dachziegel ersetzt. Die Grundmauern dieser Häuser aus dem Jahre 1837 sind zum Teil heute noch vorhanden.

1950 kam es erneut zu einer verheerenden Brandkatastrophe. Am 25. August um 14 Uhr zerstörte ein von einer Scheune ausgehendes Feuer, das drei zündelnde Dorfjungen verursacht hatten, 17 Rohrdachhäuser und 16 Ställe. 33 Familien waren in kürzester Zeit ohne Dach über dem Kopf. Auch ein Sägewerk, landwirtschaftliche Maschinen, Vieh und Getreide, Möbel und Hausrat verbrannten. In einer einzigartigen Hilfsaktion bauten 10.000 Helfer aus der gesamten DDR den Ort binnen weniger Wochen wieder auf. Zur Finanzierung des Wiederaufbaus koordinierte die Landesregierung eine damals beispiellose Spendenaktion, sodass bis Mitte Oktober alle Häuser neu errichtet und bezugsfertig eingerichtet waren. An diesen Brand und die Wiederaufbauaktion erinnert seit 1975 ein Denkmal auf dem Markt und das Haus der Jugend am Platz der Solidarität.

 

Quellen: Wikipedia, Archiv und diverse Schriften der Gemeinde Gingst