Geschichten aus Gingst

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Vergessene Vision: Die Petition für eine Bahn nach Gingst 1914

Zwischen 1895 und 1899 wurde auf der Insel Rügen ein umfangreiches Kleinbahnnetz mit einer Spurweite von 750 mm errichtet. Bis 1918 erreichte es eine Länge von fast 100 km und verband zahlreiche Orte der Insel. Doch eine Anbindung für Gingst fehlte. 1914 starteten die Bürger von Gingst eine Petition an den preußischen Eisenbahnminister Paul von Breitenbach. Ihr Anliegen: eine Bahnverbindung von Rambin oder Samtens nach Gingst. In dem Schreiben, das von 150 Personen unterzeichnet wurde, verwiesen sie auf wirtschaftliche Nachteile durch die fehlende Bahn. Gingst, einst ein florierender Marktflecken, verlor an Bedeutung, da sich Handel und Verkehr auf Orte mit Bahnanschluss konzentrierten. Besonders die Landwirtschaft litt, da die Zuckerfabrik in Stralsund nur auf der Schiene transportierte Rüben annahm. Ein weiteres dringliches Argument war die Einstellung des Personenverkehrs per Automobil. Bis dahin sorgten motorisierte Fahrzeuge für eine Verbindung nach Samtens und Stralsund, doch dieser Service wurde eingestellt. Damit war Gingst praktisch vom überregionalen Verkehr abgeschnitten, was den Bedarf einer Bahnanbindung noch dringlicher machte. Die Petition verwies auf Untersuchungen, die eine wirtschaftliche Rentabilität des Projekts belegten. Auch der Regierungspräsident von Stralsund unterstützte die Pläne. Doch dann brach im Juli 1914 der Erste Weltkrieg aus – das Projekt geriet in Vergessenheit.

Die Rügensche Kleinbahn überlebte Inflation und Wirtschaftskrisen, wurde jedoch in der NS-Zeit verstaatlicht. Der geplante Bahnanschluss für Gingst wurde nie realisiert. Heute erinnert die Petition von 1914 an eine verpasste Chance für die Region.

Auszug aus dem Buch „Unrow - Geschichten eines Rügenschen Dorfes“ von W.Opolski.

 

Hier die Petition im Wortlaut:

„Petition an den Herrn Eisenbahnminister von Breitenbach wegen Bau einer Bahn nach Gingst auf Rügen 1914

Gingst, ein Marktflecken von ungefähr 1.100 Einwohnern, liegt in fruchtbarster Gegend der Westküste Rügens, umgeben von sehr vielen kleinen Dörfern und großen Gütern. Die nächste Eisenbahnstation ist Samtens, 12 km von Gingst entfernt.

Durch diesen weiten Landweg ist der Personen- und Frachtweg sehr erschwert und verteuert.

Die vielen Güter um Gingst würden alle Zuckerrüben anbauen, aber da die Zuckerfabrik Stralsund jetzt nur auf der Bahn verfrachtete Zuckerrüben annimmt, ist dieses unmöglich.

Also Handel und Verkehr werden gehemmt und die Landwirtschaft leidet am Meisten darunter.

Durch unseren Landtagsabgeordneten Herrn von Maltzahn ist eine Bahn Samtens - Gingst oder Rambin - Gingst in Aussicht gestellt und es haben von dieser Seite auch Erhebungen stattgefunden, die ein sehr günstiges Resultat für den Frachtverkehr ergeben haben. Diese Resultate würden aber noch günstiger nach Eröffnung einer Bahnlinie, da diese ganz darniederliegende Gegend einen besonderen Aufschwung nehmen würde. Gingst war früher ein blühender Ort von 1.300 Einwohnern, ist aber immer mehr zurückgegangen, weil sich aller Handel an die Bahnlinie zurückgezogen hat, so ist z. B. der sehr große Viehhandel und das Baugewerbe zu nennen. Es wurden wöchentlich ganze Waggons Vieh von Gingster Händlern verladen.

Auch seitens des Regierungspräsidenten in Stralsund ist in einem jüngsten Schreiben diese Bahnlinie als projektiert erwähnt. Es wird deshalb an Ew. Exzellenz die ergebene Bitte gerichtet, dafür Sorge tragen zu wollen, dass wenn nun einmal die Bahnlinie geplant ist, dieselbe schnellstens gebaut wird.

Diese Bahnlinie ist deshalb so dringend geworden, weil die für den Personenverkehr dienende Automobilverbindung eingestellt worden ist. Herr Landrat von Maltzahn ist mit dem Kreis Rügen während seiner Amtszeit so verwachsen, dass er für Ew. Exzellenz alle nötigen Aufschlüsse geben kann und der er stets Befürworter wird, dass gerade der Teil von Rügen, der dem Vaterland am meisten einbringt, schnellstens dem Verkehr erschlossen werde.

Aus den Kreisen der am meisten Beteiligten nennen wir Herrn Kammerherr von Esbeck-Platen, dessen Besitz bei den in Frage kommenden Bahnlinien Samtens - Gingst oder Rambin « Gingst am meisten berührt wird. Herr Kammerherr von Esbeek-Platen ist so mit Gingst und Umgebung verkettet, dass dessen Urteil wohl Ew. Exzellenz schon genug sein dürfte, wie dringend der geplante Bahnbau beschleunigt werden muss.

Wir bitten beide Herren bei Gelegenheit zu befragen und der Gemeinde Gingst bald einen einstigen Bescheid zukommen zu lassen.

Gingst, den 27. März 1914

Euer Exzellenz Gehorsamste

150 Unterzeichner“